Lines of Yesterday und Pain of Today – Every Jack will find his Jill Deal

Quelle:  Bianca Iosivoni copiright: Sturmmöwen.at

Quelle:
Bianca Iosivoni
copiright:
Sturmmöwen.at

Autorin:

Bianca Iosivoni

Genre:

New Adult

Es gab Tage im Leben, an denen Glück und Schmerz so nahe beieinanderlagen, dass man sie kaum auseinanderhalten konnte. Tage, an denen man gar nicht erst aufstehen, sondern sich die Decke über den Kopf ziehen und bis zum nächsten Morgen im Bett bleiben sollte. Der 18. August war so ein Tag – und ich hatte den Fehler gemacht, tatsächlich aufzustehen. Nämlich zu spät.
Heute war mein erster Tag am College – und ich rannte in den erstbesten Sachen, die ich aus dem Schrank gefischt hatte, mit kaum vorhandenem Make-up im Gesicht und einem hektisch zusammengebundenen Pferdeschwanz die Treppen hinunter. Ein fliegender Teppich wie der von Aladdin wäre jetzt hilfreich, denn ohne diesen würde ich es nie rechtzeitig zu meiner Vorlesung schaffen. Mir blieben gerade mal zehn Minuten Zeit, um aus meinem Wohnheim über den halben Campus zu rennen – und das alles ohne Kaffee.
Im Laufen schob ich mir meine Umhängetasche über den Kopf und stieß die Glastür unseres Wohnheims auf. Beinahe wäre ich mit einem blonden Mädchen zusammengestoßen, das mich mit schreckgeweiteten Augen anstarrte.
„Entschuldigung!“, rief ich, ohne stehen zu bleiben, und zog mein Handy aus meiner Tasche. Acht Minuten und ein verpasster Anruf meiner Mom. Na klasse.
Ich erreichte den Platz mit der riesigen Bärenstatue und eilte daran vorbei den Weg hinunter. Das Hauptgebäude aus rotem Backstein war nicht zu übersehen. Die große Turmuhr verkündete mein Schicksal laut und deutlich, wenn ich keinen Zahn zulegte. Jetzt kamen mir nicht nur die vielen Stunden zugute, die ich in den vergangenen Jahren mit Joggen verbracht hatte, sondern auch die knallgrünen Sneakers, die ich heute Morgen angezogen hatte.
Schlitternd kam ich neben dem Campuscafé zum Stehen. Mir blieben vielleicht noch drei, bestenfalls vier Minuten. Wenn ich weiterrannte, hatte ich zumindest den Hauch einer Chance, es doch noch rechtzeitig zu schaffen, würde mir nicht eine bestimmte Sache fehlen: Kaffee. Am besten extragroß.
Nervös nagte ich an meiner Unterlippe und versuchte, von außen einen Blick ins Café zu werfen. Das Think Tank, so viel hatte ich bereits mitbekommen, galt als einer der Haupttreffpunkte zwischen den Seminaren. Doch jetzt wirkte das Café erstaunlich leer. Ich sah niemanden am Tresen stehen und auf seine Bestellung warten. Das war meine Chance.
Ich riss die Tür auf, bestellte einen Caramel Macchiato und ging zum anderen Ende des Tresens. Während ich auf meinen Kaffee wartete, studierte ich die riesige schwarze Tafel, die in geschnörkelter Schrift auflistete, wie viele verschiedene Kaffeesorten und Geschmacksrichtungen hier verkauft wurden. Vergeblich versuchte ich dem Drang zu widerstehen, die Sekunden zu zählen. Mom würde mich umbringen, wenn sie von ihrem guten Freund, der zufällig auch noch mein Dozent war, erfuhr, dass ich schon zur ersten Vorlesung zu spät gekommen war.
Ein Klingeln ertönte, als jemand das Café betrat und die Tür hinter sich zufallen ließ. Ich sah zur Verkäuferin, einem Mädchen in meinem Alter, das jetzt mitten in der Zubereitung meines Macchiatos aufhörte, um den neuen Kunden zu bedienen. Hallo? Akuter Koffeinmangel rechts von dir!
Unruhig zupfte ich mein dunkelgraues Shirt hoch, das mir über die Schulter gerutscht war. Umsonst. Der Stoff gab der Schwerkraft nach und fiel wieder zurück. Egal. Pünktlichkeit vor Schönheit.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie der andere Kunde näherkam und sich mit dem Rücken gegen den Tresen lehnte. Es war ein junger Mann, nicht viel älter als ich, und als ich flüchtig zu ihm hinüberschaute, trafen sich unsere Blicke. Braune Augen sahen mir aus einem sonnengebräunten Gesicht entgegen. Mit einem Mal wurde mir warm und ich wandte den Blick ab, zurück zur Verkäuferin, die gerade dabei war, ein kreatives Muster mit Karamellsirup auf meinem Milchschaum zu verteilen. Ob sie bei dem Typen ihre Telefonnummer auf den Schaum malen würde?
Ich schob den Riemen meiner Tasche zurecht und tippte mit den Fingern gegen meinen nackten Oberschenkel. Hotpants anzuziehen, war eine miese Idee gewesen. Ich konnte beinahe körperlich spüren, wie der fremde Kerl mich von oben bis unten musterte. Er machte sich nicht mal die Mühe, es zu verbergen oder wegzuschauen, als die Verkäuferin ihn etwas wegen seiner Bestellung fragte.
Ich holte tief Luft und nahm all meinen Mut zusammen. „Kein Interesse“, sagte ich ohne aufzusehen, denn egal wer dieser Kerl war, mein Interesse ging tatsächlich gen null. Zumal es seine Schuld war, dass ich jetzt erst recht zu spät kommen würde. Herzlichen Dank auch.
„Sicher nicht?“, ertönte eine tiefe, männliche Stimme neben mir. Eine der Sorte, die Jungs in diesem Alter nicht besitzen sollten, weil sie Mädchen im Umkreis von zehn Meilen auf dumme Gedanken brachte.
Glücklicherweise war ich immun gegen solche Reizfaktoren – zumindest sollte ich es sein, wenn man bedachte, dass ich seit drei Jahren mit Jared zusammen war. Dennoch fühlte ich den Blick des Fremden auf mir, als würde er sich in meine Haut brennen und einen Flächenbrand in meinem Inneren auslösen. Wer war dieser Kerl?
„Nein“, antwortete ich und nahm meinen Kaffee mit einem knappen „Danke“ entgegen. Ich packte den Plastikdeckel auf den Becher und wandte mich ab.
„Warte!“
Warme Finger schlossen sich um meinen Unterarm. Ich erstarrte mitten in der Bewegung und hätte beinahe meinen Kaffee verschüttet. Dieser Typ hatte vielleicht Nerven! Zu schade, dass er nichts von dem Pfefferspray in meiner Tasche wusste und dass ich nicht davor zurückschreckte, es auch einzusetzen. Vermutlich ahnte er auch nicht, dass er sich gerade mit der Freundin des neuen Pitchers der Montana Grizzlies anlegte. Junge, Junge, der Kerl musste Todessehnsucht haben.
Langsam drehte ich mich um, damit ich ihm gehörig die Meinung sagen konnte, aber das Erste, was ich sah, war eine breite Brust, über der sich ein schwarzes T-Shirt mit dem unverkennbaren AC/DC-Logo spannte. Ich legte den Kopf in den Nacken und begegnete einem Paar dunkler Augen mit dichten Brauen, dazu ein Dreitagebart und braune Haare, die den Frisch-aus-dem-Bett-Look vervollständigten. Als der Fremde lächelte, verschwand eine kleine Narbe in seinem Mundwinkel.
„Hi …“, sagte er nur, als wäre es völlig normal, ein wildfremdes Mädchen mitten im Campuscafé festzuhalten und mit ihm zu plaudern.
Stirnrunzelnd sah ich auf seine Finger hinunter, die genau über dem breiten Armband lagen, das die Narbe an meinem Handgelenk verdeckte – und erstarrte. Um mich herum schien es keinen Sauerstoff mehr zu geben, denn als ich nach Luft schnappte, drang nichts davon in meine Lunge. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Das konnte nicht sein. Ich starrte auf sein Handgelenk, auf dem eine etwa drei Zentimeter lange Narbe prangte. Nur wenige Millimeter breit und beinahe weiß hob sie sich wie ein Kratzer vom Rest seiner gebräunten Haut ab. Würde ich nicht wie jeden Tag mein Armband tragen, könnte er sehen, dass ich dieselbe Narbe aufwies. Eine Narbe, die in seine überging, wenn er mich genauso festhielt wie jetzt.
Weil dieser fremde Kerl nicht irgendwer war.

Quelle: Bianca Iosivoni copyright: Sturmmöwen.at

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Bianca Iosivoni
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Sturmmöwen.at

Autorin:

Bianca Iosivoni

Genre:

New Adult

Ich lag in einem Bett, das nicht meines war, und starrte an die Decke. Nackt. Mein Körper glühte von den letzten Minuten, doch inzwischen hatte sich mein Verstand wieder eingeschaltet und führte mir gnadenlos vor Augen, was geschehen war. Nicht, dass ich es nicht ohnehin sehen könnte, ich musste nur meinen Kopf nach links drehen, wo er in den seidigen Laken neben mir lag.
Seine Brust hob und senkte sich schwer. Das blonde Haar war verstrubbelt, weil ich bis vor wenigen Sekunden meine Finger hineingekrallt hatte. Er hatte einen fantastischen Körper, sportlich und muskulös, wie dafür gemacht, Mädchen in den Wahnsinn zu treiben. Aber seine Züge waren in den letzten Wochen härter geworden, die Schatten unter seinen blauen Augen dunkler.
Jared räusperte sich. „Violet darf nie etwas davon erfahren“, sagte er mit einem rauen Unterton in der Stimme, den ich bis eben noch sexy gefunden hatte.
„Meinst du, ja?“ Ich setzte mich auf, wobei ich mir nicht die Mühe machte, meine Blöße mit dem Laken zu bedecken. Er hatte ohnehin schon alles von mir gesehen, was es zu sehen gab. „Dabei wollte ich ihr gleich simsen und deine Leistungen auf einer Skala von eins bis zehn bewerten.“
Einen Moment lang sah Jared mich an, als befürchtete er, dass ich genau das tun würde. Ich zog die Mundwinkel in die Höhe, damit er realisierte, dass ich nicht vorhatte, seine Träume von einer Wiedervereinigung mit seiner Ex zu zerstören. Seiner Ex, die dummerweise auch noch meine beste Freundin war.
Ich war so was von geliefert.
Schweigend hob ich meine verstreuten Klamotten auf und zog mich an. Zuerst die Unterwäsche und die enge Jeans, dann das tief ausgeschnittene rote Oberteil und die funkelnden High Heels. Mein Outfit schrie nicht bloß Party, sondern geradezu Männerjagd. Ich war ja so ein verdammter Glückspilz, dass mir letzte Nacht ausgerechnet dieser Mann ins Netz gegangen war.
Jared hielt mich nicht auf, als ich sein Schlafzimmer verließ. Er hielt mich auch nicht auf, als ich im Flur meine Jacke und Handtasche vom Boden auflas und die Wohnungstür öffnete. Es war ihm egal, dass ich ging – solange ich niemandem davon erzählte, was zwischen uns geschehen war. Diese Erkenntnis hinterließ einen ebenso bitteren Nachgeschmack auf meiner Zunge wie der Alkohol von letzter Nacht.
Ich schloss die Tür mit einem Klicken, das so endgültig klang, als hätte ich soeben mein Schicksal besiegelt. Bei jedem anderen Kerl hätte ich über diesen Gedanken gelacht, aber nicht bei Jared. Nicht bei dem Mann, in den ich seit Jahren verliebt war. Ich schüttelte den Kopf über meine eigene Dummheit, drehte mich um – und erstarrte, als ich in ein Paar braune Augen unter noch dunkleren Brauen blickte. Den Türknauf in der Hand musterte ich ihn, während mein vom Tequila träger Verstand zu ergründen versuchte, warum mir dieser Typ so bekannt vorkam.
Er stand an der Tür gegenüber, nur dass er im Gegensatz zu mir nicht herauskam, sondern hineingehen wollte. Schwarze Haarsträhnen fielen ihm in die Augen und ich entdeckte kleine Schweißtropfen auf seiner Stirn. Hohe Wangenknochen und ein kantiges Gesicht vervollständigten das Bild. Der dunkle Bartschatten ließ ihn älter wirken, als er tatsächlich war. Mein Blick wanderte weiter, tiefer, zu einem eng anliegenden weißen T-Shirt, das seine gebräunte Haut betonte und nur wenig Raum für Fantasie ließ. In den dunkelblauen Shorts und Sportschuhen steckten die muskulösen Beine eines Läufers. Mit einem Mal wusste ich, woher ich ihn kannte – und hätte am liebsten lauthals geflucht. Gott hasste mich.
„Guten Morgen …“, begrüßte Rob mich mit einem überraschten Unterton in der tiefen Stimme. Er klang kaum außer Atem, auch wenn es offensichtlich war, dass er von seiner morgendlichen Joggingrunde kam. Was nur bedeuten konnte, dass er hier wohnte. Im gleichen Gebäude wie Jared. Fantastisch.
Rob und ich hatten uns letzten Sommer auf einer Verbindungsparty kennengelernt, auf der meine beste Freundin Violet uns einander vorgestellt hatte. Obwohl ich mich nicht an jedes Detail von jener Nacht erinnerte, wusste ich eine Sache mit Bestimmtheit: Robert Lance war ein Arschloch. Dass ausgerechnet er meinen Walk of Shame miterlebte, hatte mir gerade noch gefehlt.
„Morgen“, antwortete ich forscher als beabsichtigt, doch irgendetwas an diesem Kerl reizte mich bis aufs Blut. War es diese ruhige Art, die einen ungeduldigen Menschen wie mich in den Wahnsinn trieb? Vielleicht. Lag es daran, dass er mich trotz meiner 1,74 m um mindestens zehn Zentimeter überragte? Wohl kaum. Ich hatte schon größere Männer kennengelernt – und freundlichere. Wieder kam mir diese Party in den Sinn, aber ich schob den Gedanken daran konsequent beiseite. Es war lächerlich, sich noch immer darüber zu ärgern, schließlich bekam jeder mal einen Korb. Na ja, jeder außer ich.
Ich nickte Rob knapp zu und wandte mich ab. Doch während ich den Flur hoch erhobenen Hauptes entlang ging, hörte ich kein Klicken und keine Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Stattdessen spürte ich Robs Blick in meinem Rücken und konnte seine Gedanken dazu beinahe hören. Jepp, ich kann dich auch nicht leiden, Kumpel.
Als ich die Treppe und gleich darauf das Erdgeschoss erreichte, atmete ich erstmals auf. Was für ein beschissener Start in den Tag. Noch im Eingangsbereich kramte ich meine Sonnenbrille aus der Handtasche, um die verräterischen Mascaraspuren ebenso zu verdecken wie meine Augenringe.
Es dauerte den ganzen Weg von Jareds Apartment bis nach draußen, damit mir klar wurde, was soeben geschehen war. Schlimm genug, dass ich mit dem Ex meiner besten Freundin geschlafen hatte und wir beide diese verdammte Nacht für uns behalten wollten. Doch die wahre Katastrophe war, dass bereits eine dritte Person davon wusste – und diese Person war ausgerechnet Robert Lance. Prima. Wirklich prima. Gottverdammt noch mal! Rob war mit Violet befreundet und konnte mich nicht ausstehen. Jetzt war ich erst recht geliefert.
***
Gefühle wurden überbewertet. Ehrlich, was hatte man bitte schön davon? Letzten Endes brachten sie nur Kummer, Herzschmerz oder Gewissensbisse. Und wenn man den Hauptpreis gewann, bekam man sogar alle drei Varianten auf einmal serviert, was mich ernsthaft an meinem Karma zweifeln ließ. Erst landete ich ausgerechnet mit Jared Hartwell im Bett, dann erfuhr auch noch Robert Lance davon und jetzt schlug der Gefühlscocktail gnadenlos zu. Als ob mein Kater nicht Strafe genug wäre.
Die frische Morgenluft schaffte es zwar, meine Gedanken zu klären, vertrieb aber nicht den bohrenden Druck auf meiner Brust. Ich wollte mich nicht damit beschäftigen, was geschehen war. Ich wollte es vergessen, abhaken und nie mehr daran denken.
Ich bog in die Allee ein, in der mein Wohnheim lag, und zog meine Lederjacke fester um mich. Trotzdem breitete sich eine Gänsehaut auf meinem Körper aus, an der nicht nur die kühlen Temperaturen die Schuld trugen.
Als ich das rote Backsteingebäude betrat, musste ich feststellen, dass der Spring Break offiziell vorbei war – und mit ihm die Ruhe im Wohnheim. Obwohl es gerade mal acht, bestenfalls neun Uhr morgens war, erfüllten helle Stimmen, Lachen und das Surren von Reißverschlüssen die Flure. Ich hielt mich mit Kommentaren zurück und versuchte, unbemerkt in mein Zimmer zu schleichen, bevor jemand auf mich und mein Outfit aufmerksam wurde. Normalerweise war ich die Letzte, die ein Geheimnis aus ihren nächtlichen Aktivitäten machte, aber auf ein Kreuzverhör konnte ich heute verzichten.
„Bree!“, schallte eine ekelhaft hohe Stimme durch den Gang.
Ich zuckte ertappt zusammen und blieb stehen. Wie in Zeitlupe drehte ich mich um und zwang ein unverbindliches Lächeln auf meine Lippen, während Gillian Watkins auf mich zustöckelte. Das größte Gossip Girl auf dem Campus musste natürlich ausgerechnet in meinem Wohnheim wohnen und mich auch noch an diesem Morgen erwischen. Hatte jemand heute den Arschloch-Tag ausgerufen, ohne mir vorher Bescheid zu geben?
„Lange Nacht gehabt?“ Gillian lachte gekünstelt und warf ihre blonden Locken zurück. „Du hast schon besser ausgesehen, Herzchen.“
„Und du weniger künstlich“, konterte ich in honigsüßem Tonfall. „Hast du dir während des Spring Breaks die Nase machen lassen? Mal wieder?“
Ein wütendes Funkeln tauchte in ihren grauen Augen auf, doch ihre Miene blieb unbewegt. Botox sei Dank? „Du Scherzkeks!“
Kaum zu glauben, dass ihre Stimme noch schriller klingen konnte. Ich verzog das Gesicht. Allein ihre Anwesenheit quälte Regionen in meinem Gehirn, die nach so viel Bier und Tequila nur noch rudimentär funktionierten.
„Ich wollte zu Violet“, fuhr sie unbeirrt fort und bewunderte dabei ihre mit Glitzersteinchen verzierten Gelnägel. „Ist sie schon zurück?“
Mein Magen drehte sich um. Gillian war gestern ebenfalls auf der Feier gewesen, aber sie konnte mich unmöglich mit Jared gesehen haben. Dafür hatte sie sich viel zu sehr darauf konzentriert, an der Seite ihres Langzeitfreundes Stan zu kleben. Dennoch breitete sich ein ungutes Gefühl in meiner Mitte aus.
„Nein“, erwiderte ich, ohne mir etwas von meinen Gedanken anmerken zu lassen. „Aber ich sage ihr sofort, dass sie sich bei dir melden soll, wenn sie wieder da ist.“ Als ob. Eher würde diese Giftspritze freiwillig auf das Silikon in ihren Brüsten verzichten, als dass ich eine Nachricht von ihr an irgendwen weiterleitete.
„Du bist ein Schatz“, flötete Gillian und beäugte mich noch einmal von Kopf bis Fuß, ehe sie tadelnd mit der Zunge schnalzte. „Du musst wirklich etwas für dein Aussehen tun, Herzchen. Sonst wirst du immer nur die One-Night-Stands abkriegen, aber nie einen anständigen Mann.“
Diese … argh! Ich stürmte in mein Zimmer, bevor ich dem Drang nachgeben konnte, diesem Miststück den Hals umzudrehen. Leuten wie ihr sollte man das Atmen verbieten. Damit würde der durchschnittliche IQ der Weltbevölkerung um ein Vielfaches steigen.
Ich schloss die Tür leise hinter mir, da ich Gillian nicht auch noch die Genugtuung geben wollte, zu hören, wie sehr sie mich aufregte. Tief durchatmen. Beruhigen. Ich pfefferte meine Handtasche auf den Boden, kickte die High Heels von den Füßen und holte meine Kosmetiktasche und meinen Bademantel aus dem Schrank. Ich musste dringend duschen und die Erinnerung an letzte Nacht abwaschen.
Knapp fünfzehn Minuten später ließ ich mich auf mein schmales Bett fallen. Ein Cookie wäre jetzt genau das Richtige, um meine Nerven zu beruhigen. Nein, besser noch ein Törtchen mit einem flüssigen Schoko-Karamellkern – aber ein Schokoriegel würde es auch tun. Ich setzte mich auf und griff ins unterste Regalfach, wo ich meinen Süßigkeitenvorrat bunkerte. Doch bis auf ein paar lose Plastikverpackungen ertastete ich nur Leere. Verflucht. Ich hatte vergessen, einkaufen zu gehen.
Frustriert sprang ich auf die Beine und drehte mich einmal im Kreis. Irgendwo musste es noch etwas Zuckerhaltiges geben. Aber alles, was ich sah, waren meine Klamotten, die ich in dem kleinen Zimmer verteilt hatte, während Violets Hälfte ordentlich aufgeräumt war. Nicht sehr überraschend, denn wenn man nicht da war, konnte man kein Chaos hinterlassen. Seufzend machte ich mich daran, die leeren Flaschen und Pizzaschachteln wegzuräumen und meinen Schreibtisch darunter freizulegen. Ich musste mich beschäftigen, damit meine Gedanken Ruhe gaben.
Als ich meinen E-Book-Reader unter der aktuellen Ausgabe der Cosmopolitan fand, kämpfte ich einen Moment lang mit mir. Am liebsten hätte ich mich einfach in ein gutes Buch verkrochen und die Außenwelt ausgeblendet. Noch lieber würde ich an der Stelle mit dem massakrierten Mädchen weiterlesen, um mir vorzustellen, dass es sich dabei um Gillians dämliche Visage handelte.
Kopfschüttelnd legte ich den Reader beiseite. Nach rund einer Stunde war mein Aufräumanfall vorüber und das Zimmer sah so ordentlich aus wie zuletzt bei unserem Einzug. Schade, dass ich meine Emotionen nicht genauso ordnen konnte. Das schlechte Gewissen in die eine Schublade, meine Wut in die andere und dieses ekelhafte Gefühl, nur benutzt worden zu sein, schmiss ich am besten direkt in den Müll. Problem gelöst.
Schön wär‘s.
Ich holte die letzten sauberen Klamotten aus dem Schrank. Kaum dass ich meine Sporttasche gepackt hatte, wurde die Tür aufgerissen.
„Bree!“ Violet fiel mir um den Hals, bevor ich reagieren konnte. „Es ist so schön, zurück zu sein! Hast du meine Karte bekommen?“
Und mit einem Mal war es wieder da, das schlechte Gewissen, und ich war mir sicher, dass es wie ein Leuchtpfeil über mir schwebte. Bree Thompson hat mit Jared Hartwell geschlafen! Tötet sie!
„Willkommen zurück.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln, während ich meine beste Freundin von Kopf bis Fuß betrachtete. Wir kannten uns seit der Junior High, aber ich hatte sie noch nie so glücklich erlebt wie in den vergangenen Monaten. Sie war braun gebrannt, ihr blondes Haar von der Sonne eine Nuance heller und ihre blaugrauen Augen strahlender. Es war ein Wunder, wie dieses Mädchen es so lange mit mir ausgehalten hatte und jetzt so nichts ahnend vor mir stand, dass sich alles in mir zusammenzog. Wie von selbst machte ich einen Schritt auf sie zu und schlang die Arme um ihren schlanken Körper. „Ich hab dich vermisst.“
Violet versteifte sich in der ersten Sekunde. Sie war nie jemand gewesen, der gerne auf Kuschelkurs ging, aber vor allem war sie solche Gesten nicht von mir gewöhnt. Klasse. Wenn ich es noch offensichtlicher machen wollte, dass ich Mist gebaut hatte, konnte ich es mir auch gleich auf die Stirn schreiben.
Doch statt zurückzuweichen und misstrauisch zu werden, erwiderte sie meine Umarmung. „Ich dich auch“, flüsterte sie.
„Lügnerin.“ Ein Grinsen formte sich auf meinen Lippen. Ich schob sie eine Armlänge von mir und registrierte ihre geröteten Wangen und die glänzenden Augen. „Du warst viel zu sehr damit beschäftigt, dich während eurer Wandertour flachlegen zu lassen, als mich zu vermissen.“
„Was?“ Violet stieß ein ungläubiges Lachen aus, doch die Farbe in ihrem Gesicht nahm Sonnenbrandausmaße an. „Das ist -“
„Die Wahrheit“, fiel ich ihr ins Wort. „Und ich gönne es dir – auch wenn ich ein klitzekleines bisschen neidisch bin.“
Das war ich wirklich. Nicht auf den wilden Sex, sondern auf ihre Beziehung zu Devin. Dieser Kerl hatte über sieben Jahre auf Violet gewartet. Auf mich warteten die Typen, bis ich es von der Tür ins Schlafzimmer geschafft hatte. Womit wir genau bei dem Thema waren, das ich unter allen Umständen hatte vermeiden wollen.
„Was gibt es Neues?“ Sie wuchtete den Koffer auf ihr Bett und begann mit dem Auspacken. Ihre Bewegungen summten vor Energie und ich konnte nicht anders, als zu lächeln. Devin tat ihr gut.
„Oh, nicht viel“, gab ich vage zurück. „Du weißt doch, wie leer es hier während des Spring Breaks ist.“
Wieder drang dieser bittere Geschmack in meinen Mund, wie ein Nachhall des Alkohols von letzter Nacht. Aber es waren Schuldgefühle, die sich in mir ausbreiteten und wie ein Krebsgeschwür festsetzten. Ich hatte Violet nicht nur hintergangen, jetzt verheimlichte ich ihr diese Sache auch noch und belog sie. Ich war ja so eine tolle beste Freundin.
„Nur ein paar Partys mit den Daheimgebliebenen“, fügte ich schnell hinzu, damit sie keinen Verdacht schöpfte, und band mir das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Ich muss los, aber wir reden später, ja?“
Überraschung zeichnete sich auf Violets Gesicht ab. „Es ist bald Mittag und unsere Kurse fangen erst morgen wieder an. Wo willst du denn jetzt hin?“
Ich biss die Zähne zusammen und stellte mein bestes Lächeln zur Schau. Dennoch war ich mir sicher, dass man das Hämmern in meiner Brust im ganzen Wohnheim hören konnte. „Tennis“, presste ich hervor und hängte mir eilig meine Sporttasche um. „Ich will auf den Platz, bevor alle anderen zurückkommen.“
Kaum ausgesprochen rauschte ich aus dem Zimmer. Doch mein schlechtes Gewissen konnte ich nicht so einfach hinter mir lassen. Es klebte an mir wie ekliger Schleim, der sich nicht abwaschen ließ. Egal, wie oft ich es versuchte.

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