Ode an die Nacht/Every Jack will find his Jill Deal

Quelle:  Catalina Cudd

Quelle:
Catalina Cudd

Autor:

Catalina Cudd

Genre:

Liebesroman

PROLOG
DeepSounds Music Magazin
»Ich bin nicht der nette Kerl von nebenan.«
Exclusives Interview des Monats mit Rogue-Sänger Priest
Von Tilda Martin
Am nächsten Wochenende endet die Welttournee der Art Rock-Band Roque im
legendären Altenburger Stahlwerk – und wer bisher keine Gelegenheit hatte, einen der
musikalisch und visuell ausgefeilten Auftritte der fünf Ausnahmemusiker zu erleben,
kommt zu spät: Das letzte Konzert ist seit Wochen ausverkauft.
Die Band wird Gerüchten zufolge nicht nach Los Angeles zurückkehren, sondern sich
für längere Zeit in Deutschland niederlassen, um in den renommierten Altenburger
Sanctum-Studios an einem neuen Album zu arbeiten. Grund genug für DeepSounds,
bei der Band anzuklopfen und um einen Gesprächstermin zu bitten – natürlich nicht
ohne Hintergedanken. Insbesondere um den ebenso faszinierenden wie unzugänglichen
Rogue-Frontmann Priest, von dem der Rolling Stone einmal sagte, er habe die Stimme
eines gefallenen Engels, ranken sich die wildesten Geschichten. Ich hoffe, dass er die
Dampfschwaden aus der Gerüchteküche vertreibt und unserer Leserschaft verrät, was an
dem Gemunkel um seine Person dran ist.
Ich treffe den gebürtigen Australier mit deutschen Wurzeln am späten Morgen in einer
Suite des Steigenberger Hotels. Gekleidet in ein schwarzes Hemd und zerschlissene
Jeans, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, sitzt Leon Alexander Priest mir
gegenüber und lässt sich gefühlt alle zwei Minuten Kaffee nachschenken.
DeepSounds: Priest, zunächst einmal danke, dass du dir Zeit für uns und für deine
Fans nimmst …
Priest: Gleich vorweg: Mit dem Wort Fans habe ich ein Problem. Es leitet sich nicht von
ungefähr von fanatisch ab und steht für stalkende Autogrammsammler oder kreischende
Halbwüchsige. Rogue ist keine Boygroup, die in Formation auf der Bühne herumhüpft
und dabei nichts zu sagen hat.
DeepSounds: Dennoch habt ihr für eine Art Rock-Band ungewöhnlich viele weibliche
Anhänger, obwohl eure Musik keine leichte Kost ist.
Priest: Ich bin sicher, dass sich auch unter den Frauen Exemplare mit Musikverstand
finden, die durchaus in der Lage sind, eine Gitarre von einem Bass zu unterscheiden.
Der Rest ist mir ehrlich gesagt egal. Wir verstehen uns als Künstler, nicht als Unterhalter
für angetrunkene Club-Besucher.
DeepSounds: Gerüchteweise plant ihr, im Anschluss an eurer Tournee ein neues
Studioalbum aufzunehmen …
Priest: Das Gerücht stimmt ausnahmsweise. Wir lassen uns eine Weile in Deutschland
nieder und arbeiten unter anderem in den Sanctum-Studios an dem nächsten Album.
Wir wollen den Verstand des Hörers ordentlich durchschütteln, eine neue Umgebung
wird sich sicher positiv auf das Konzept auswirken. Wenn unsere Fans (er betont das
Wort süffisant) anschließend nur noch bei brennendem Licht schlafen können und
gleichzeitig unsere Musik nicht aus dem Kopf bekommen, haben wir unser Ziel erreicht.
DeepSounds: Die Musik von Rogue zeichnet sich durch komplexe, oft ungewohnte
Songstrukturen aus, durch exzellente Arrangements und nicht zuletzt durch die
tiefgründigen Texte, die durch deinen leidenschaftlichen, melodischen Gesang eine Intensität bekommen …
Priest: (beugt sich vor und nimmt mir das Notizbuch aus der Hand) Du hast diesen
Mist tatsächlich von deinem Block da abgelesen? (lacht und wirft das Buch fort) Gott,
was für ein Unsinn! Wenn du mit mir über Musik reden willst, benutze einfach deine
eigenen Worte.
DeepSounds: Entschuldige, Priest, aber es ist schwer, eure Musik zu beschreiben oder
auch nur einzuordnen …
Priest: (grinst) Ich wette, du hast nicht ein einziges Album von uns gehört, Tilda.
Und deine Redaktion hat dich im Ernst hierher geschickt, um mit mir über Musik zu
reden? (wendet sich ab und ruft) Ethan, wenn du noch mal so ein dämliches Interview
bestätigst, bist du gefeuert, klar?
Ethan Hendricks (Assistent von Priest; Anm.d.Red.): Mir wurde versichert, sie sei
Musikjournalistin.
DeepSounds: Ich habe nur noch wenige Fragen, Priest. Ihr erfindet euch mit jedem
Album neu und schlagt gerne ungewohnte Wege ein. Euer letztes Album Wolf in the
Cradle wurde nicht nur von euren, äh, Fans einhellig als Meisterwerk bezeichnet.
Damit habt ihr die Messlatte hoch angesetzt.
Priest: Wolf in the Cradle war gut, aber zu verkopft. Das neue Album soll den arglosen
Hörer an die Hand nehmen, tief in einen düsteren Wald hineinführen und dort
aussetzen, inmitten all der Dinge, die man lieber nicht anschauen möchte. Die Songs
werden eingängiger sein als auf Wolf in the Cradle und man wird vielleicht sogar
darauf tanzen können, aber dann hoffentlich mit vor Schreck geweiteten Augen (lacht).
Es geht mir darum, gegen die Welt anzusingen, in der wir leben, gegen all das, wovor
man die Augen verschließt und was in mir selbst verborgen ist.
DeepSounds: Mit einem Party-Album oder Stadion-Rock ist also auch diesmal nicht zu
rechnen.
Priest: (verdreht wortlos die Augen, blickt zu seinem Assistenten und deutet auf die leere
Kaffeetasse)
DeepSounds: Es ist bekannt, dass ihr euch viel Zeit fürs Recording nehmt, Priest. Das
bedeutet hoffentlich, dass man euch zukünftig öfter in einem der Altenburger Clubs
antreffen kann …
Priest: Das Songwriting ist noch nicht abgeschlossen und als Produzent werde ich fürs
Sightseeing nicht viel Zeit haben. Für den Rest der Band gilt das Gleiche. Wir sind zum
Arbeiten hier, nicht zum Feiern.
DeepSounds: Euer Gitarrist Jamie Cumber scheint das etwas anders zu sehen. Seine
wilden Party-Exzesse machen regelmäßig Schlagzeilen.
Priest: Jamie ist jung und noch nicht lange bei Rogue, da kann einem der Erfolg schon
mal den Verstand vernebeln. Wir hatten einige ernste Gespräche mit Jamie. Ich denke,
er wird sich zukünftig zurückhalten.
DeepSounds: Priest, stimmt es, dass du dir ein Anwesen in unserer Region zugelegt
hast? Es ist von einem historischen Gebäude die Rede. Beabsichtigst du, dich hier
niederzulassen?
Priest: (lehnt sich zurück) Keine Ahnung, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat.DeepSounds: A Propos Gerücht: Man erzählt sich, dass es in deiner Beziehung mit
dem Topmodel Corinne Coley heftig kriselt. Bist du bald wieder Single oder …?
Priest: (verzieht keine Miene) Man erzählt sich auch, dass DeepSounds ein
Musikmagazin sein soll. Ist da was dran oder hecheln wir jetzt allen Ernstes mein
Privatleben durch?
DeepSounds: Entschuldige bitte, Priest, aber unsere Leser sind auch an den Künstlern
selbst interessiert; wie sie leben, was sie antreibt und warum sie sind, wie sie sind. Es
wäre daher sehr nett, wenn …
Priest: (schnaubt und erhebt sich) Ich bin verdammt noch mal Musiker, nicht der nette
Kerl von nebenan, der seine Zeit mit belanglosem Geplauder verschwendet! Sei so nett,
sammle deinen schlauen Notizblock ein und lass dir von Ethan den Ausgang zeigen.

KAPITEL 1
»Meine Güte, was für ein arroganter Typ!« Toni blickte über Evas Schulter und
überflog das Interview.
»Aber verdammt heiß.« Eva betrachtete verträumt das Foto auf der Interview des
Monats-Seite. »Den würde ich nicht von der Bettkante schubsen.«
»Ist das DeepSounds? Seit wann liest du ein Musikmagazin?«
»Lag aufgeschlagen in der Straßenbahn, direkt neben meinem Platz. Ich konnte
den hübschen Kerl doch nicht zwischen grölenden Schulverweigerern und
überforderten Müttern zurücklassen.« Eva tippte auf die Zeilen. »Ich sage dir, das
ist ein Zeichen. Eine berühmte Rockband lässt sich in unserer Stadt nieder und das
Schicksal stößt mich geradezu mit der Nase darauf. Mein Singledasein nähert sich
dem Ende, ich kann es spüren.«
»Keine Chance.« Toni nippte an dem lauwarmen Kaffee und zog eine Grimasse.
»Ich wette, der benutzt seine Groupies nur einmal und nennt sie allesamt Süße,
weil er keine Lust hat, sich ihre Namen zu merken.« Sie strich sich eine Locke aus
dem Gesicht, während sie das Foto studierte. Es zeigte einen attraktiven Mann mit
markanten Zügen, widerspenstigem dunkelblonden Haarschopf und ausgeprägtem
Lippenschwung. Sinnliche Lippen … Sein verschlossener Gesichtsausdruck und die
eisigen Augen jedoch bestätigten Tonis Meinung über den Sänger. »Wer ist dieser
Priest überhaupt?«
»He, ich dachte, Musik wäre dein Ressort! Die Band soll berühmt sein. Daniel hat
alle Alben von denen.«
»Die Musikwelt ist groß und ich bin nur eine kleine Straßengitarristin. Ich kann
auch nicht alles kennen – Süße«, sagte sie grinsend und schlug ihr Buch auf. Der
Wüstenplanet von Frank Herbert.
Eva deutete mit dem Löffel auf sie. »Du liest die falschen Bücher und kennst
definitiv die falschen Musiker. Jimi Hendrix ist längst tot und dieser dicke
spanische Klampfer mit den Wurstfingern auch.«
»Andres Segovia war ein großartiger Virtuose, kein Klampfer.« Sie versuchte,
empört zu klingen. »Und ich wette, der war nicht halb so herablassend wie dieser
Priest.«
»Lass mich doch ein bisschen schmachten«, entgegnete Eva. »Ich stehe auf diese
Wangenknochen. Er guckt so unwiderstehlich verrucht.«
»Erstens: Gut aussehende Kerle sind auch so schon unausstehlich. Berühmte,
reiche, gut aussehende Kerle wie der da halten sich mindestens für gottgleich. Der
Typ ist ein Kotzbrocken, wetten?«

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